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Mensch, wie schaust du aus. Meine Mittagspause im Museum

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Der Frühling lässt noch etwas auf sich warten. Jedenfalls, was die ungetrübten Sonnenstunden angeht. Drinnen bleiben möchte ich in der Mittagspause aber trotzdem nicht. Was liegt also näher, als mal wieder eine Ausstellung zu besuchen? Nachdem ich vor einiger Zeit bereits im August-Macke-Haus war, bin ich diesmal mit der U-Bahn in das etwas weiter entfernte Kunstmuseum Bonn gefahren, wo die großartige Ausstellung „Mit anderen Augen. Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie“ zu sehen ist. Sie ist Teil eines Kooperationsprojektes mit der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur: im Kölner Mediapark ist zeitgleich noch bis zum 29. Mai der zweite Teil der Ausstellung zu sehen. Dessen Besuch am gleichen Tag hätte freilich den Rahmen meiner Mittagspausenzeit gesprengt, so dass ich hier nur von meinem Besuch im Kunstmuseum Bonn berichte.

Sehen und gesehen werden

Sobald ich die Ausstellungsräume betreten hatte, nahmen mich die aufgehängten Porträts gefangen. Minutenlang blieb ich vor einzelnen Aufnahmen stehen. Dabei fiel mir besonders auf, dass ich beim Betrachten unwillkürlich in einen Dialog eintrat. Ich selbst war nicht nur Beobachter, sondern zugleich fühlte ich mich durch die Bilder selbst beobachtet. Dieses besondere Kennzeichen der Gattung wird auch immer wieder von den Porträts im Bonner Kunstmuseum selbst aufgegriffen: So porträtiert sich Thomas Struth beispielsweise selbst, indem er sich mit dem Rücken zur Kamera beim Betrachten von Albrecht Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ in der alten Pinakothek fotografiert:

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Thomas Struth: Alte Pinakothek, Selbstportrait, München (2000)

Auch Struths Bilderserie Museo del Prado 8-1 bis 8-5 (Madrid, 2005) behandelt die Position des Betrachters beim Betrachten eines Porträts – wobei hier verschiedene Besuchergruppen im Prado gezeigt werden, die in unterschiedlichen Formationen vor Velázquez’ weltberühmtem Bild „Las Meninas“ (1656) stehen geblieben sind. Auf dem Gemälde hat sich interessanterweise Velázquez selbst verewigt, indem er von der Leinwand auf- und den Betrachter direkt anzublicken scheint, so dass auch hier sozusagen der Ball von der Leinwand zurück in Richtung des Betrachters geschlagen wird. Nimmt man hier noch die eigene Position als Besucher des Bonner Kunstmuseums hinzu, so entsteht ein merkwürdiger Verdopplungseffekt: Als Museumsbesucher betrachte ich eine Fotografie, die Museumsbesucher beim Betrachten eines Porträts darstellt, welches wiederum den Porträtkünstler selbst mit abbildet, der mich quer durch alle Medien hinweg anzublicken scheint. Großartig in diesem Zusammenhang ist auch ein Porträt (2. Reihe, 2. Bild von links) der Serie Helga von Daniela Risch: Helga sitzt kerzengerade in einem langen Nachthemd auf ihrem ungemachten Bett, über ihr an der Wand ein Druck der Schlummernden Venus von Giorgione. So spannungsreich kann Porträtkunst sein. Dies zeigt sich auch bei Sabrina Jungs Crossover-Porträts der Reihe „Schöne Frauen“, bei denen sie alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit neuen Gesichtszügen und Frisuren mixt:

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Sabrina Jung: Untitled no 7 (2011) aus der Serie „Schöne Frauen“

Bilder, die sich unterhalten

Aber damit nicht genug: Denn die zahlreichen Fotografien behandeln nicht nur die Position zwischen Beobachter und Beobachtetem, sondern sind teilweise so geschickt aufgehängt, dass Bilder verschiedener Fotografen in einem Raum bewusst miteinander in Kontakt treten, ja in Konflikt geraten. Besonders aufgefallen ist mir dies etwa bei Eckhard Korns fantastischer Porträtserie, bei der er 2010 deutsche Konfirmanden in ihren ordentlichen bis unordentlichen Kinder- bzw. Jugendzimmern abgelichtet hat. Das Bild „Raphael“ beispielsweise zeigt einen Jungen mit Prinz Eisenherz-Frisur, der vor einem Poster von Eminem posiert – wobei der Detroiter Rapper Raphael nachdenklich über die Schulter zu blicken scheint. Nun hängen im gleichen Raum auch Tobias Zielonys Aufnahmen von Bewohnern aus dem Marseiller Ghetto Quartiers Nord: Vom jungen Mann Malcom (2. Bild von oben) zum Beispiel, der mit nachdenklich fragendem Blick hinüberzuschauen scheint zu den alles in allem doch behütet und brav wirkenden halbstarken deutschen Konfirmanden.

Unmöglich kann ich hier auf alle Einzelheiten eingehen, die ich in der mir zur Verfügung stehenden Mittagspausenstunde im Museum entdeckte. Ob in der Pause, am Abend oder am Wochenende – ich kann euch nur den Tipp geben, euch selbst ‚ein Bild davon zu machen’. Die Ausstellung im Bonner Kunstmuseum läuft noch bis zum 08. Mai.

 

Titelbild: Annette Kelm: American Portrait (2007)

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