Digitale Kommunikation, Social, Trends
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In Social Media geht es um Identität – oder das „du bist was du postest“-Prinzip.

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Jeder Mensch hat eine eigene und ganz persönliche Identität. Sie ist ihm auch häufig bewusst. Fotos zum Beispiel, die ihm nicht gefallen, löscht er. „Das bin ich doch nicht“ sagt er verärgert. Kleidung, die ihm nicht gefällt, lehnt er ab. „Das steht mir doch nicht“ erkennt er mit sicherem Blick. Offensichtlich weiß jeder von uns sehr genau, wer er ist oder zumindest, wer er sein will.
Jeder von uns trägt also ein ganz bestimmtes „Bild von sich selbst“ im Kopf und kontrolliert ständig und meist sehr bewusst dieses Bild gegenüber Dritten.

Die Kontrolle über das eigene Bild, die Abgrenzung gegenüber anderen, die bewusste Steuerung des Eindrucks, den andere von einem haben – es geht also um Identität, um das Vermitteln von Vorstellungsbildern bei anderen. „Es scheint vielen Menschen, die in Social Media für sich und ihre Produkte Aufmerksamkeit generieren wollen, nicht klar zu sein: Die Beiträge auf Twitter/Facebook/Instagram sind mehr als Werbepostings, sie formen ein Bild von der Person, unter deren Namen der Account läuft“ meint Dirk von Gehlen, Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“.

Wir Kommunikationsexperten nennen das Identität – bei Unternehmen ist es die Unternehmensidentität oder Corporate Identity. Hier prägen wir Bilder von Unternehmen oder Marken, ihr Aussehen, ihre Leistungen, ihr Verhalten. Das ist nicht neu, neu sind aber die Wege zur Gestaltung der eigenen Identität. Gemeint ist Social Media. Noch einmal Dirk von Gehlen: „In Social-Media geht es um Identität. Wir posten Inhalte wie wir Markenkleidung tragen. Beiträge oder Sneakers, Videos oder Pullis – es geht stets um Teilhabe und Abgrenzung, es geht darum möglichst beiläufig darüber zu informieren, wo man steht“.

Können wir diese Marken-Arbeit in eigener Sache künftig Social Bots übertragen?

Ende Mai stellte Google sein neues Messenger-Programm „Allo“ als WhatsApp-Alternative vor. Allo hat eine sogenannte „Smart Reply“-Funktion, die in einem Chatverlauf Texte automatisch verfasst. Der Nutzer muss also nicht mehr selber formulieren und tippen, sondern lediglich auf die passende Antwort klicken. Diese Antworten sollen seinem persönlichen Kommunikationsstil entsprechen, also klingen, als habe er sie selbst geschrieben, verspricht Google. Natürlich funktioniert das nur, wenn Allo den Gesprächsverlauf seiner Nutzer analysiert, sprich aktiv mitliest.

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Smart Reply schlägt bei Google Allo dem User mögliche Antworten vor. Er muss lediglich anklicken, welche ihm zusagt.

Google Allo – imitiert meine Identität

Das Alleinstellungsmerkmal von Allo ist künstliche Intelligenz (KI). Googles KI liest kontinuierlich mit, um in einem Chat mehrere kontextabhängige Reaktionen anzubieten, die der Nutzer nur noch anklicken muss. Die Antworten sind laut Google “in your style”, werden also im Stil des Nutzers verfasst. Diese kontextsensitiven Funktion funktionieren nur ohne eine end-to-end-Verschlüsselung: Schließlich muss die KI des Messengers kontinuierlich mitlesen, um lernen und möglichst adäquate Antworten anbieten zu können. Datenmissbrauch? Messenger-Apps werden viele private Dinge anvertraut: Chats, Fotos, Standortinformationen, Kontakte … Google hat seine Prioritäten klargemacht. Jetzt kann jeder für sich selbst entscheiden.

Mehr erfahren:
Dirk von Gehlen über Identität und Social Media
Google Allo im Google Play Store

Beitragsbild Nick Miller/Unsplash

1 Kommentare

  1. Sean

    Tja, schöne neue Welt? Ich habe neulich mit Grischka darüber gesprochen, dass wir tatsächlich einer Generation entstammen, die Freunden noch handgeschriebene Briefe geschrieben hat. Mehrere Seiten lang! Auf Papier! Frankiert und versendet, um wochenlang auf Rückmeldung zu warten. Damals war 1-1-Kommunikation eben noch etwas besonderes. Heute ist es… nun ja, berechenbar und vorhersagbar geworden. So spannend wie die Perspektiven von KI für die Wirtschaft sind, stimmt es mich doch etwas traurig.

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