Kreation
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Gastbeitrag: Die Waschfrau der Nation und Tante Gisela.

Heute freue ich mich über einen Beitrag unserer Gastautorin Annette Weyer, einer Journalistin und lieben Freundin. Annette macht heute mit uns einen Ausflug in ihre Vergangenheit – und zu einem echten Klassiker der Werbegeschichte. Hier ihre Gedanken zu ihrem Lieblingswerbespot …


In den 70er Jahren hatte ich einen Lieblingswerbespot: Wenn Klementine kurz vor der Tagesschau auf dem Bildschirm erschien und uns porentiefe Reinheit versprach, dann wurde mir immer ganz warm ums Herz. Deutschlands bekannteste Frontfrau für Waschmittel erinnerte mich stets ein wenig an meine Lieblingstante Gisela, bei der ich jedes Jahr die Sommerferien verbringen durfte. Die burschikose Schwester meines Vaters und die Werbe-Ikone hatten tatsächlich einiges gemein. Nie im Leben hätte meine Tante mit Turmfrisur und Rock an der Waschmaschine gestanden und auf den Klempner gewartet. Das musste sie auch nicht. Sie konnte ihre Waschmaschine selbst reparieren, denn Tante Gisela war Schreinerin. Sie trug eine praktische Kurzhaarfrisur, Latzhosen und karierte Hemden. Den ganzen Vormittag hämmerte, sägte und schraubte sie in ihrer kleinen Werkstatt, wo es immer so herrlich nach einer Melange aus Holz und Burgol gerochen hatte. Meine Lieblingstante war witzig, zupackend, selbstbestimmt und klug. Tante Gisela brachte mir viele nützliche Dinge bei. Ohne sie könnte ich heute keinen Nagel in die Wand schlagen, oder einen kaputten Fahrradschlauch flicken. Von ihr lernte ich Gelassenheit zu üben und Menschen nicht in Schubladen zu stecken. Es war Tante Gisela, die mich tröstend in ihre starken Arme nahm, als mich meine erste große Liebe, Benno Raschke, eiskalt abservierte und noch am gleichen Tag mit Heike Kunze im städtischen Freibad gesichtet wurde.

klementine© Screenshot Merkur online

Obwohl meine Tante alles andere als eine brave Hausfrau war, nahm sie es mit der Wäsche sehr genau. Flecken und Grauschleier hatten bei ihr nicht die geringste Chance. Die Vollwaschkraft von Tante Gisela kannte keine Grenzen und kam in schneeweißen Laken und kuschelweichen Handtüchern daher. Und falls sich tatsächlich eine einfältige schwarze Socke in den Kessel Weißwäsche verirrte, dann half eine Tüte Backpulver.

Im Sommer 1984 verbrachte ich zum letzten Mal die Ferien bei Tante Gisela. In diesem Jahr verschwand auch Klementine vom Bildschirm. Ich wurde langsam erwachsen, die Werbung immer freizügiger und penetranter. Anfang der 90er Jahre zog ich in eine Berliner WG. Unsere erste gemeinsame Anschaffung war eine gebrauchte Waschmaschine. Die stand in der großen Wohnküche und war ständig im Einsatz. In einer alten Weinkiste befand sich zwischen Wäscheklammern, Backpulver und diversen Fleckenteufeln auch ein Waschmittel, das nach dem Luftgeist in Shakespeares „Sturm“ benannt ist. Mit diesem Luftgeist wasche ich noch heute meine Wäsche. Und immer dann, wenn ich mich am Duft porentiefer Reinheit berausche, denke ich an zwei wichtige Konstanten in meinem Leben: Tante Gisela und Klementine.


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Annette Weyer
Die ehemalige Redakteurin des ITmagazins der Finanz Informatik ist heute freie Lokaljournalistin für den Landkreis Weilheim-Schongau  – und hat sich ans eigenständige Arbeiten gewöhnt. Annette Weyer lebt und arbeitet in Bernried am Starnberger See. annette.weyer@yahoo.de

 

Kategorie: Kreation

von

Andrea Schäfer

Diplom-Psychologin, Kommunikationsberaterin mit nicht nachlassender Begeisterung für alles, was sich ändert. Am Starnberger See zu Hause und Ansprechpartnerin für unsere Kunden in München und Umgebung.

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